An der Ersatzhaltestelle Bismarckring und auch danach ragen Bäume tückisch in die Fahr- bahn. Sie sind mit kleinen Schildern nummeriert, da kann man wenigstens melden, an welchem Baum man in einem Anfall von Unaufmerk- samkeit den Außenspiegel demoliert. Nach ei- ner Links-rechts-Kombination führt die Dotz- heimer Straße kerzengerade einen langen Stich hinauf. Bei konstant vier, fünf Prozent Steigung und einer Haltestelle mittendrin muss der neue OM 936 im Heck ordentlich schuften. Welche Erholung, als der Mercedes auf halber Höhe rechts in einen Abzweig mit dem passen- den Namen Daimlerstraße abbiegt. Der Citaro taucht in ein Gebiet mit Wohnsilos ein, um die herum es durchaus etwas ungemütlicher zuge- hen kann. Hier liegt auch die westliche Endhalte- stelle der Linie 17 in der Graf-von-Galen-Straße. Motor aus, Blick auf die Anzeige des Verbrauchs- messgeräts, Durchschnittsverbrauch 42,5 Liter – na ja. Die Testfahrer waren etwas sparsamer. Sie profitierten aber von Schulungsrunden mit Fahrlehrern des Verkehrsbetriebs. Versuchsfah- rer Hermann Zehender beruhigt: „Ab dem zwei- ten Tag hat man sich auf die Strecke eingeschos- sen und kennt jede Ampelsteuerung.“ Er und seine Kollegen sammelten Beobach- tungen: Autofahrer mit Wiesbadener Kenn- zeichen lernten sie als zuvorkommend und rücksichtsvoll kennen, Pkw mit auswärtigen Schildern als eher rüpelhaft. Und dann war da noch die alte Dame, die sich morgens an der Hal- testelle kurz über die Testbusse aufklären ließ und am nächsten Tag zur gleichen Zeit freund- lich grüßte und viel Erfolg wünschte. Oder die Jugendlichen, die so gern eine Runde im Test- bus voller Messapparaturen mitgefahren wären. Der neue Citaro Euro 6 zeigte es seinen Kol- legen: Schnitten die Euro-5er mit 42,3 Litern/ 100 km (OM 457, 220 kW/299 PS) und 42,4 Li- tern/100 km (OM 906, 210 kW/286 PS) praktisch identisch ab, so erreichte der neue Euro-6er mit dem OM 936 (220 kW/299 PS) 38,7 Liter/100 km. 8,5 Prozent besser als seine Kollegen. Und da- mit sogar doppelt so gut wie das Versprechen der Entwickler von drei bis fünf Prozent. Die Busse rollten unter vergleichbaren Be- dingungen: Sie klemmten sich jeweils mit meh- reren Minuten Abstand hinter einen regulären Linienbus der Wiesbadener Verkehrsbetriebe ESWE. Die Tagschicht von Hermann Zehender und Kollegen begann gegen 8 Uhr, alle zwei Stunden tauschten die Fahrer. Um 20 Uhr über- nahmen die Kollegen von der Nachtschicht. Ze- hender ergänzt: „Wir haben jeden Tag ein an- deres Auto gefahren“, das sollte Fahrereinflüsse ausschalten. Den identischen Verbrauch der bei- den unterschiedlich motorisierten Euro-5-Model- le führt Versuchsleiter Martin Zeilinger auf die anspruchsvolle Strecke zurück – hier konnte die kleinere Maschine ihre Vorteile nicht ausspielen. Der Star unter dem Citaro-Trio aber ist das neue Modell nach Euro 6 – unter den straffen Be- dingungen in Wiesbaden jedenfalls ließ er seine Kollegen beim Verbrauch klar stehen. ■ „Sowohl Herausforderung als auch Chance“ Peter Schumacher ist bei Daimler Buses Projektleiter Euro 6. ?: Was war die größte Herausforderung bei der Umstellung auf Euro 6? Schumacher: Daimler hat sich entschieden, Eu- ro 6 mit einer neuen Motorengeneration zu bringen. Das war sowohl Herausforderung als auch Chance, den kompletten Antrieb- strang und Motorraum zu überdenken und neu zu gestalten. ?: Und die größte Schwierigkeit? Schumacher: Der Gesamtaufwand: Eine neue Motorgeometrie in einem verfügbaren Raum unterzubringen, größere Aggregate wie die Abgasnachbehandlung unterzubringen, den erhöhten Kühlleistungsbedarf abzudecken. ?: Sie sind sowohl beim Stadt- als auch beim Rei- sebus mit Euro 6 früh dran – weshalb? Schumacher: Bedingt durch die neuen Moto- ren kann man nicht auf dem letzten Drücker kommen. Wir stellen knapp 80 Baumuster auf Euro 6 um, da muss man zeitig anfangen. ?: Wann sind Sie mit dem Thema Euro 6 gestartet? Schumacher: Wir haben mit der Projektarbeit im Jahr 2006 begonnen. Das Lastenheft war Anfang 2009 formuliert. Ein Jahr später sind wir mit ersten Prototypen in die Erprobung gegangen. ?: Travego Edition 1, Citaro, Setra Comfort- Class 500 – wie geht es mit Euro 6 weiter? Schumacher: Wir haben das Thema nach Motorraumfa- milien strukturiert. Der letzte Serienan- lauf wird der liegen- de Motor OM 936 h sein, der im kom- menden März startet. An weiteren Modellen stehen Anfang kommenden Jahres die Über- landbusse Setra Multiclass UL und Mercedes- Benz Integro sowie Intouro an. ?: Andere Hersteller übernehmen Euro 6 in vor- handene Modelle, weshalb agieren Sie anders? Schumacher: Wir haben eine Mischung aus neuen Fahrzeugen oder bestehende Fahr- zeuge, in die wir Euro 6 integrieren. Es wird nicht alles komplett neu. ?: Die Comfort-Class 500 ist neu. Ein Risikobus? Schumacher: Damit haben wir uns sehr inten- siv beschäftigt und sind sehr viele Kilometer in der Funktions- und Dauerlauferprobung gefahren. Wir haben mit der Comfort-Class 500 ein reifes Produkt am Start. Peter Schumacher, Projektleiter Euro 6 Rund um die Uhr wurde gefahren, bei jedem Schichtwechsel getankt.Die Omnibuslinie 17 führt durch Außenbezirke und den Stadtkern. lastauto omnibus 1-2/2013 spezial | Verbrauchsvergleich – Mercedes Citaro [ 15 ]