Leistungsmäßig ordnet sich die Maschine mit 220 kW (299 PS) und 1.200 Nm in gewohnte Re- gionen ein. Wichtiger ist die Kraftentfaltung, hier unterstützt vom Sechsgang-Automatikgetriebe ZF Ecolife. Obwohl das Drehmoment in der ers- ten Schaltstufe zurückgenommen ist, benötigt der mit zu zwei Dritteln ausgeladene Citaro zum zügigen Anfahren auch nur zwei Drittel Gas. Das schont die Fahrgäste und senkt den Verbrauch. Auf hügeligem Terrain schaltet das Getriebe konsequent bei maximal 1.500 Touren hoch, in Flachstücken früher. Also orgelt die Maschine bei Konstantfahrt zwischen gut 800 und 1.000 Umdrehungen. Niedrigtouren jucken sie nicht weiter, denn das Triebwerk hat erstaunlich viel Mumm in diesem Bereich. Ist an deftigen Stei- gungen Leistung gefordert, scheuen Getriebe und Maschine auch nicht mehr als 2.000 Umdre- hungen – der Kleine hat Dampf in allen Lagen. Fast: An kontinuierlichen mittleren Steigungen bleibt der Diesel schon mal bei gut halber Nenn- drehzahl hängen. Da erschließt sich der Sinn von Kickdown, sonst bei variablen Schaltprogram- men überflüssig. Auch treten mitunter Pendel- schaltungen zwischen Gang drei und vier auf, etwas Feinabstimmung könnte nicht schaden. Gleiches gilt beim langsamen Heranrollen an T- Stücke oder Ampeln mit folgender Beschleuni- gung: Dann geht ein Ruck durch den Bus. Gene- rell schaltet das Getriebe umso sanfter, je höher die Gangstufen ausfallen – aber auf der berüch- tigten Linie 42 gibt’s eben auch bei geringen Ge- schwindigkeiten viel zu tun. Alles andere regelt der Citaro souverän. Die Vor- derachse mit Einzelradaufhängung steckt fiese Schlaglöcher weg. Die Hinterachse agiert straff, jedoch nicht hart. Die Lenkung verlangt einen festen Griff, arbeitet andererseits ruhig und prä- zise, Korrekturen entfallen. Die Bremse verlangt wie immer beim Citaro etwas Obacht, sonst ver- neigen sich Bus und Fahrgäste beim Halt an Am- peln und Haltestellen allzu respektvoll. Diesen Respekt verdienen sich dagegen die Innenausstatter. Der Wald der Haltestangen ist aufgeräumt, die geschlossene Decke wirkt ruhig. Viele Details erschließen sich erst bei genauem Hinschauen. Die ovalen Haltestangen zum Bei- spiel sind in Längsrichtung für perfekte Ergo- nomie um 20 Grad geneigt – darauf muss man erst einmal kommen. Schick und praktisch sind die Ablagen über den Radkästen vorn. Diskutie- ren lässt sich über die edle Glasplatte zwischen rückwärtigem Doppelsitz und dem Rollstuhl- und Kinderwagenplatz gleich rechts an der Mit- teltür: Geneigt eingebaut, verleitet sie dazu, die Füße draufzustellen. Was Fahrgäste nicht sehen, aber spüren, ist die wirkungsvolle Belüftung durch Dachkanä- le mit definierten Luftleitblechen. Wer etwas auf sich hält, speziell bei Überlandanteil oder Nacht- bussen, wählt die blaue Nacht-Beleuchtung und vielleicht die orangene Ambiente-Beleuchtung mit Leselampen. Und wie wär’s mit den hilf- reichen LED-Streifen als Einstiegsbeleuchtung? Kein Stadtbus ist feiner, keiner individueller. Und zurzeit fährt keiner sparsamer: Mit knapp 50 Liter/100 km kämpft sich der Citaro trotz oder wegen Euro 6 durch das Auf und Ab der Linie 42 – das schaffte vor ihm keiner. Auch die wei- teren Etappen bewältigt er mit Bravour. Ergeb- nis ist ein neuer Allzeit-Rekord von klar unter 40 Litern/100 km, nahezu exakt auf dem Niveau eines namhaften Stadtbusses mit edlem Hybrid- antrieb. Ein Diesel auf Hybridniveau? Chapeau – das ist nun wirklich sehr zeitgemäß. ■ Meinung Mercedes hat beim Citaro alle Register gezogen: Motor und Getriebe sind auf strikte Spar- samkeit getrimmt, drum herum helfen geregelte Neben- aggregate und ein- zigartige Tricks wie das Rekuperations- modul als zusätzlicher Stromspeicher. Dazu hat Mercedes den Stadtbus auf Diät gesetzt. 11,4 Tonnen Leergewicht mit Komplettaus- stattung und 96 Fahrgastplätze – wer bietet weniger Gewicht mit Euro 6? Einzig der Preis lässt erschauern, doch über die lange Lauf- zeit eines Stadtbusses spielen ganz andere Dinge eine Rolle. Keine Frage: An diesem Stadtbus führt kaum ein Weg vorbei. Ange- sichts seines niedrigen Verbrauchs gilt dies auch für die teuren Hybridbusse. Randolf Unruh, Testredakteur Ein Griff und die Front des Citaro entblättert sich für Kontrollen, Wartung, Lampenwechsel. Hinter den Batterien sammeln Supercaps als sogenanntes Rekuperationsmodul Strom. Der Motor duckt sich tief ins Heck, zahlreiche Klappen geben den Zugang fast rundum frei. Der Citaro entpuppt sich aus jedem Blickwinkel als ein feiner Kerl, auch sein Rücken kann entzücken. [ 82 ] Fahrzeuge | Mercedes Citaro Euro 6