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lastauto omnibus bus & coach SONDERAUSGABE

Türkische FrüchteOmnibusfertigung in Hosdere: Mercedes hat die Produktion seines Reisebus-Aushängeschilds Travego erneut in die Türkei verlagert. Grund genug, im dortigen Werk mal genau hinzuschauen. D er türkische Begriff Hosdere bedeutet über- setzt „munterer Bach“. Das Buswerk Hos- dere ist nach dem gleichnamigen Vorort von Istanbul benannt. Es ist inzwischen die ein- zige komplette Omnibusfabrik von Mercedes- Benz. Durch das Werk murmelt nicht nur ein Ge- wässer, Hosdere sprudelt regelrecht, hat sich bei Omnibussen zum Wildbach entwickelt. Kürzlich ist das Mercedes-Flaggschiff Travego er- neut nach Hosdere umgesiedelt. Hier wird der Hochdecker von Beginn an gebaut, im Omni- busland Türkei erreicht er die höchsten Absatz- zahlen. Als Superhochdecker SHD rollt er so- gar in einer Spitzenausführung, die Mercedes in Mitteleuropa nicht anbietet. Ein Mercedes hat in der Türkei hohes Ansehen, der Marktanteil über- schreitet bei Reisebussen 60 Prozent. Lohnt sich für 100 Travego im Jahr in Deutschland, dazu ein paar Handvoll für die Länder drum herum, ei- ne eigene Fertigung in den hiesigen Buswerken Mannheim und Neu-Ulm? Der Travego ist ein Wanderer zwischen den Welten: Den Versuch der Komplettverlagerung des Flaggschiffs hat Mer- cedes schon einmal betrieben, seinerzeit kam der Travego wieder zurück. Jetzt, in eher lausigen Omnibuszeiten mit roten Zahlen in der Daimler- Busbilanz, unternimmt das Unternehmen einen neuen Anlauf. Und nur zu gern präsentiert man deshalb das türkische Werk als Musterfertigung. 2.700 Mitarbeiter können in Hosdere rund 4.000 Omnibusse im Jahr auf Kiel legen. Im vergangenen Jahr waren es etwa 3.400 – die ­offizielle Zahl liegt etwas höher, das Werk zählt Gelenkbusse wegen der beiden separaten ­Karosseriekörper doppelt. Die Bestseller hießen ­Tourismo (1.300 Einheiten) und Intouro (1.100). Es folgte der Conecto, eine etwas schlichtere Ausführung des Citaro der ersten Generation mit rund 500 Stück. Und nun kommt der ­Travego auf etwa die gleiche Größenordnung. Hosdere ist damit das Alleskönner-Werk vom einfachen Linienbus über schlichte Überland- wagen und funktionelle Reisebusse bis zum Luxusschiff. Das funktioniert, weil die Ferti- gungsprozesse identisch sind. Ein Intouro wird nicht anders zusammengebaut als ein Travego, das betrifft Toleranzen im Rohbau, Qualität der Beschichtung im KTL-Bad oder Sorgfalt in der Montage – die Materialien sind zwar sichtbar unterschiedlich, die Ansprüche jedoch identisch. Bei Losgröße eins in der Fertigung heißt dies im Rohbau präzises Schweißen von Hand. Trifft man in den entsprechenden Hallen der Pkw-, Transporter- oder Lkw-Fahrerhausfertigung auf emsige Roboter, so ziehen hier Arbeiter Schweiß- nähte. In Hosdere gibt es mehr Menschen als Ma- schinen, in der gewohnten Automobilfertigung ist es längst umgekehrt. Die beiden einzigen Ro- boter finden für komplexe und sicherheitsrele- vante Bereiche des Unterbaus Verwendung – bei Schweißnähten von sieben bis neun Metern stößt Handarbeit an Grenzen. Die Segmente des Rohbaus werden im so ge- nannten Dom verbunden. In dieser beeindru- ckenden Station verschweißen Mitarbeiter in zwei Stunden die vorgefertigten Gerippeteile zu einer Einheit, gefolgt von Dach- und Seitenbe- plankung. Fortlaufend werden die Arbeitsergeb- nisse kontrolliert. Bei Neuanläufen überprüfen Fachleute per Laser den kompletten Rohbau auf Maßhaltigkeit. Wer genau hinschaut, entdeckt prompt den Prototyp eines Tourismo Euro 6. Geradezu kunstvoll ist die Beschichtung des kompletten Gerippes in der KTL-Anlage. Das türkische Bad wird für jedes Baumuster indi- viduell zubereitet, damit die Schichtdicke nach Maß sitzt. Ein Travego-Gerippe zum Beispiel taucht eine Viertelstunde lang in die brodeln- Text & Fotos: Randolf Unruh Etwa 2.700 Mitarbeiter können im türkischen Hosdere rund 4.000 Omnibusse auf Kiel legen lastauto omnibus 9/2013 [ 94 ] Fahrzeuge | Mercedes-Buswerk in der Türkei

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