D ie Haltestelle oben auf dem Wartberg bei Heilbronn trägt den beschaulichen Namen Harmonie. Unten im Tal brodelt der Ver- kehr, herrscht geschäftiges Treiben in der Indus- triestadt am Neckar. Vom Wartberg aus ist dies alles weit entfernt. Abgesehen von ein paar Aus- flüglern herrscht entspannte Ruhe. Und dann wäre da der wuchtige Volvo 9900, der an der Haltestelle Platz genommen hat. Der Weg hinauf auf den Wartberg war nicht ohne. Erst mühte sich der Hochdecker unten im Tal durch den Feierabendverkehr mit zahl- reichen Ampeln und engen Abbiegemanövern. Dann stampfte er die hochprozentige Steigung hinauf, über ein enges Sträßchen, verziert mit unübersichtlichen Kurven. Also alles genau rich- tig, um dem neuen Antriebsstrang nach Euro 6 auf den Zahn zu fühlen. Zentrum des neuen Antriebs ist ein Sechs- zylinder im Heck. Ein wenig schräg eingebaut, als neige der kompakte Motor seinen Zylinder- kopf, um sich seine Aufgabe im großen Reise- bus zu überlegen. Volvo hat, ähnlich wie ande- re Hersteller, den Hubraum drastisch reduziert. Hier geht’s hinab von 12,8 auf 10,8 Liter, für ei- nen ansehnlichen Dreiachser mit Flaggschiff- Charakter eine mutige Entscheidung. Auf der Strecke geblieben sind für die Spitzenmotorisie- rung beim Wechsel 100 Nm Drehmoment. Ange- sichts einer unveränderten Leistung von 339 kW (460 PS) und immer noch 2.200 Nm auf den ersten Blick verzichtbar. Der kompakte Volvo D11 im Heck bekommt aber die Konstantleistungscharakteristik nicht ganz so elegant hin wie der deftige Vorgänger D13. Gleiches gilt für dessen wuchtigen Antritt bei niedrigen Drehzahlen. Doch auch der D11 über- zeugt beim Tritt aufs Gas mit Temperament und Antritt, selbst in der Steigung. Deutlich ist ein Fortschritt beim Geräusch: Liefen die Sechszy- linder bisher recht hart, so geht es jetzt rund um das Heck des Reisebusses hörbar sanfter und gesittet zu. Common-Rail-Einspritzung statt Pumpe-Düse, davon profitieren im Moment vie- le Fabrikate. In diesem Fall sind zusätzlich lästi- ge Dröhnfrequenzen verschwunden, die bisher bis nach vorn ins Cockpit zu vernehmen waren. Das Getriebe hilft der kleineren Maschine auf die Sprünge. Der Anfahrgang heißt beim Test- wagen vier, bisher wählte die Technik Gang fünf. Wie bisher nutzt der Antrieb während des Beschleunigens auch beim leeren Dreiachser Drehzahlen bis zum Ende des grünen Dreh- zahlbereichs bei 1.700 Touren, überspringt beim Schalten lieber einen Gang. Die Anschlüsse pas- sen, auch unter schwierigen Bedingungen. Aller dings hat die automatisierte Schaltung I-Shift etwas von ihrem komfortablen Charakter ab- gelegt: Bisher bekannt für schlagsahneweiche Gangwechsel, geht die Volvo-Technik nun et- was rustikaler zur Sache. Was am Prototyp lie- gen kann, die Redaktion wird es beobachten. Wie gewohnt ist beim runderneuerten 9900 die Bremse per Tritt auf das Bremspedal weicher zu dosieren als bei Betätigung des Retarderhe- bels, eine Volvo-Eigenart. Ebenso wie die Ver- wechslungsanfälligkeit der beiden rechts hin- tereinander angeordneten Lenkstockhebel für Retarder und den Scheibenwischer. Zusammen mit Euro 6 hat der Kühler sei- nen Platz von der rechten auf die linke Seite gewechselt – vor wenigen Jahren war’s beim Motortausch D12 gegen D13 genau umgekehrt. Mitgewandert ist das Kühlergitter, das hält die Fahrgastseite hübsch glatt und faltenfrei. Nur die dicken Gummi-Einfassungen der Türen wie Trauerränder stören. Die Luftansaugung des Mo- tors sitzt unverändert in luftiger Höhe, das hält die Verschmutzung gering. Neu ist die Stromver- sorgung – zwei Batterien à 105 Ah für das Bord- netz, zwei à 35 Ah für den Start – klingt knapp, ist aber leichter als die gewohnten dicken Akkus. Im Zuge des Wechsels zu Euro 6 hat Volvo die Figur des 9900 aufgemöbelt. Hinten ist die neue Generation an einer Heckscheibe in Form eines Parallelogramms, an der neuen Motor klappe mit geänderter Entlüftung sowie an Si- cken in V-Form und einen neuen Stoßfänger zu erkennen. Auch hat der hintere Überhang um ein paar Zentimeter zugelegt. Vorn prägen weichere Formen das Erscheinungs- bild. Die Windschutzscheibe ist optisch tiefer he- runtergezogen, Scheinwerfer, Markenplakette und Stoßfänger sind neu und nicht mehr so kantig. Ein angedeuteter gebogener Bugspoiler unterstreicht den freundlicheren und weniger strengen Auftritt. Zwischen Bug und Heck ist der neue Volvo ganz der Alte. Da wären die pa- rallelogrammförmig öffnenden Klappen der Kof- ferräume. Solider Stahl statt anderswo brüchiger Kunststoff schützt hier die Hubmechanik. Immer wieder gut anzusehen sind die praktischen Zu- satzstauräume im Heck über den Achsen. ▸ Volvo hat mit dem Wechsel zu Euro 6 auch die Figur seines Flaggschiffs 9900 aufgemöbelt lastauto omnibus 9/2013 [ 88 ] Fahrzeuge | Volvo 9900