Ohrensessel und formschön integrierte Monitore – der Fahrgastraum des i6 ist ein wahrer Genuss. Aber nicht makellos: Bei heruntergeklappter Armlehne ist die Lehnenverstellung kaum er- reichbar. Und die geschwungenen Gepäckabla- gen münden vorn wie hinten in unzugänglichen Hohlräumen. Das sind verschenkte Zentimeter, vor allem über dem Cockpit, dem es an größe- ren Ablagen mangelt. Der Fahrerplatz ist in seinen Grundzügen seit vie- len Jahren bekannt: klassische Rundinstrumen- te in der Mitte, links integriert der Monitor Navi und Rückfahrkamera, rechts in der Mittelkonsole über der Unterhaltungselektronik die etwas ver- spielt wirkende, aber sehr einfache Bedienung von Klimaanlage und Konvektorenheizung. Lin- ker Hand erschreckt wie immer bei Irizar eine unübersichtliche Klaviatur. Mittendrin findet sich die schrullige Taste mit Türsignet fürs elek- trische Fahrerfenster. Dessen Öffnung ist klein, der breite Steg stört genau in Augenhöhe. Auf seinem weit verstellbaren Sitz kann sich der Fahrer räkeln, die breite Fensterbrüstung lässt indes nur einen schmalen Schlitz für den Griff zur Sitzverstellung. Und noch etwas stört außer den sichtbaren Schraubenköpfen: Wer bitte bastelt Getränkehalter für Fahrer und Bei- fahrer einfach an die A-Säulen? Ein Stilbruch in diesem eleganten Bus mit seinen hochwertigen Details wie der griffsympathischen Abdeckung der Armaturentafel. Oder den Außenspiegeln, deren Weitwinkelgläser einen perfekten Blick auch auf die Fahrzeugecken und direkt vor den Bus vermitteln. Beim Testwagen zitterten die Hauptspiegel ein wenig – wegen der Kälte, oder war’s die Aufregung? Irizar: in vielen Punkten ganz anders als andere Es ist die etwas andere Marke: Die spanische Nummer eins unter den Busherstellern hat einen eigenen Charakter. Gegründet 1889 von José Antonio Irizar, baut das Unternehmen 1927 seinen ersten Omnibus. Vor 50 Jahren gibt sich das Unternehmen die Rechtsform einer Genossenschaft – hier reden auch die beteiligten Mitarbeiter kräftig mit. Das hindert nicht den Expansionskurs: Außerhalb Spaniens betreibt Irizar weltweit Werke in Brasilien, Mexiko, Marokko, Südafrika, Indien und China. Aus ihnen rollen im Jahr insgesamt an die 5.000 Omnibusse. Damit nicht genug: Unter anderem gehört auch Klimaanlagenhersteller Hispacold zur Firmengruppe. Noch vor wenigen Jahren auf Reisebusse spezialisiert, entwickelt sich Irizar zunehmend zum Kom- plettanbieter. Aushängeschild ist der unverändert spektakuläre Superhochdecker PB, ergänzt vom einfachen Hochdecker Century. Beide werden auf Fahrgestelle aufgebaut. Mit dem i6, im Jahr 2011 in Produktion gegangen, hat Irizar eine dritte Hochdecker-Baureihe eingeführt, erstmals in selbst- tragender Bauweise. Mit dem vielseitigen i4 deckt Irizar das Segment vom Hochboden-Überland- bus bis zum einfachen Reisebus ab. Der i3 LE ergänzt als Low Entry mit Niederflurbereich das Programm. Es ist kein Geheimnis – die Ausdeh- nung wird bis zum Stadtbus weitergehen. Rundum hat Irizar nach der Trennung von Scania inzwischen eigene Handelspartner ein- gesetzt. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz haben die Südeuropäer mit Udo Riess und seinem Midea-Busvertrieb in Vöhringen bei Ulm einen sehr Omnibus-erfahrenen alten Hau- degen der Branche gewonnen. Das Lenkrad mit Bedientastatur für allerhand Nebenfunktionen steuert DAF zusammen mit dem Motor im Heck zu. Der MX mit knapp 13 Liter Hubraum ist ein ganzer Kerl, ein bärbeißi- ger Macho voller Saft und Kraft. Mit 340 kW (460 PS) Leistung und 2.300 Nm Drehmoment zeigt er für einen Zweiachser mächtigen Bizeps. Beim Beschleunigen grollt und faucht der bärige Die- sel wie ein Feuer speiender Drache, kennt auch eine kleine Dröhnfrequenz. Um nach Erreichen 1 Der elegante Fahrgastraum des Superhoch- deckers sichert bewundernde Blicke der Fahrgäste – das ist Oberklasse. 2 Die Frontkuppel senkt Irizar ab, Monitor und Anzeigen sind hübsch integriert. 3 Trickreiche Service-Sets mit LED-Lampen und seitlicher Zwangsbelüftung. 3 2 1 lastauto omnibus 5/2013 [ 52 ] Fahrzeuge | Irizar i6